Die Bocca della verità

Liebes Reisetagebuch,

heute war es soweit: Ich wagte mich zur Bocca della verità, dem Mund der Wahrheit, einem antiken Lügendetektor in Gestalt eines Janusgesichts. Und die Strafen sind drakonisch: Wer als Lügner seine Hand in den offenen Mund der in Stein gehauenen Maske legte verliert sie angeblich oder verschwindet gleich völlig. Ein echtes Risiko also, wenn man es – wie ich – mit der Wahrheit nicht immer so ganz genau nimmt.

Aber erst einmal zur Geschichte der Steinfratze: Angeblich wurde die Maske schon 800 v. Chr. als Ort benutzt, an dem Eide und Schwüre abgelegt wurden. Oftmals wurden hier aber auch des Ehebruchs verdächtigte Frauen befragt. Sie mussten ihre rechte Hand in die Öffnung stecken – hatten sie gelogen, klappte der Mund zu und trennte die Finger ab. Ob das aber immer mit rechten Dingen zuging, mag man bezweifeln. Gerüchteweise soll ein versteckter Priester das ein oder andere Mal die Arbeit der Bocca della verità übernommen und nachgeholfen haben, damit die Geschichte nach wie vor glaubhaft blieb.

Es gibt aber auch Berichte, wonach diese Maske in der Antike lediglich als Abflussdeckel diente und erst im Mittelalter zur Bocca della verità wurde. Dafür spricht durchaus so manches: Der Begriff Bocca della verità wird heutzutage zwar synonym genau mit dieser Maske gebraucht, wurde im Mittelalter aber in vielen Städten auch für öffentliche Kästen benutzt, in denen man anonym Hinweise über gotteslästerliches oder sündiges Verhalten anderer hinterlassen konnte, eine Art „Verpetzkasten“ sozusagen, der heute nach an manchen Schulen steht.

Der Mund der Wahrheit befindet sich in der Vorhalle der Kirche Santa Maria in Cosmedin und ist frei zugänglich. Eintritt zahlt man dort nicht, an normalen Wochentagen ist es auch kein Problem, seine Wahrheitliebe an der Bocca selbst zu testen.

Aber nun zurück zu meiner Hand und dem Anfang meines Berichts: Nachdem ich mich zunächst vorsichtig der Maske genähert hatte, habe ich erst einmal ganz vorsichtig einen Finger reingesteckt und mich vergewissert, dass sich dahinter kein Priester befindet (siehe die Erklärung oben). Sodann habe ich probehalber die eine oder andere Halbwahrheit erzählt und danach – mutig – total gelogen, indem ich erzählt habe, ich hätte John F. Kennedy erschossen. Es passierte gar nichts. Aber ich sah: Ein amerikanischer Tourist notierte sich etwas in seinem Blackberry. Ob ich damit jetzt die CIA auf mich aufmerksam gemacht habe? Oweia!

Bis demnächst,

Dein Romtourist