Kollosseum

Liebes Reisetagebuch,

heute schlenderte ich zum Kolosseum, dem wohl berühmteste Bauwerk Roms. Es bedarf wenig Fantasie, um sich angesichts des imposanten Gebäudes vorzustellen, wie hier einst Gladiatoren kämpften und wilde Tiere einer tosenden Menge vorgestellt wurden.

Früher gehörte das Gelände, wo heute das Kollosseum steht, zur Domus Aurea Neros. Nero ließ darauf nach dem berühmt-berüchtigten (wahrscheinlich von ihm initiierten) großen Brand einen großen künstlichen See errichten. Nach dem Tod Neros beschloss sein Nachfolger Vespasian das Land dem Volk Roms zurückzugeben. Er begann 72 nach Christus mit dem Bau eines riesigen steinernen Amphitheaters – ein Novum: Zuvor fanden die Gladiatorenkämpfe in hölzernen Amphitheatern statt oder auf öffentlichen Plätzen – nun also ein riesiges Bauwerk aus massivem Stein!

Mit dem Kolosseum entstand das größte und bedeutendste Theater der römischen Welt. Die Einweihung erlebte Vespasian aber nicht mehr – er starb 79 nach Christus Geburt. Die feierliche Eröffnung des Kolosseums, welches zunächst “Amphitheatrum Flavium“ hieß, war Vespasians Sohn und Nachfolge Titus vorbehalten und erfolgte im Jahr 80 nach Christus Geburt. Die Eröffnungsfeier dauerte 100 Tage. Zu diesem Anlass wurden in der Arena ca. 5000 exotische und wilde „Bestien“ getötet. Und nicht zuletzt: Ca. 3.000 Gladiatoren verloren dabei ihr Leben.

Was mich etwas überrascht hat: Der Name „Kolosseum“ ist kein Hinweis auf „kolossal“ und damit kein Hinweis auf die gewaltigen Ausmaße der Arena (55 Meter hoch, 188 x 156 Meter breit). Erst ab dem Mittelalter wurde das Bauwerk so genannt. Der Name geht auf eine über 35 Meter hohe Kolossalstatue zurück, die ganz in der Nähe des Amphitheaters stand und aus vergoldeter Bronze bestand. Die Statue zeigte ursprünglich einmal Kaiser Nero und wurde von ihm selbst errichtet und in der Vorhalle der Domus Aurea, des gigantischen Palastes Neros aufgestellt, der sog. „Colossus Nero“. Vorbild war der Koloss von Rhodos. Vespasian ließ sie dann aber aus tiefer Abneigung gegenüber seinem verhassten Vorgänger Nero umgestalten zum Anlitz des Sonnengottes, indem er dem Kopf einen Strahlenkranz zufügte – so praktisch veranlagt war man damals. Sie hieß ab sofort “Colossus Solis“. Die Statue wurde dann später von Kaiser Hadrian in der Nähe des Kolosseum aufgestellt, um Platz zu schaffen für den Tempel der Venus und der Roma. Und schon hatte auch das Gebäude seinen Namen weg (wahrscheinlich dann doch auch wegen der Ausmaße)

Im Kolosseum fanden zwei Arten von Spielen statt:

- Gladiatorenkämpfe und

- die Hatz auf wilde Tiere.

Die Oberfläche der Arena bestand aus Holzplanken, darüber war Sand gestreut, welcher das Blut aufsaugte und damit die Rutschfestigkeit gewährleistete. Unter der Arena befanden sich ausgedehnte Katakomben. Wer heute das Kolossum besucht, wird feststellen, dass die hölzerne Abdeckung der Arena heute fehlt. Daher sind die “Betriebsräume” des Amphitheaters gut zu sehen. Dort befanden sich einst Kerker, Käfige und umfangreiche technische Einrichtungen (Flaschenzüge, Rampen, Gegengewichtsvorrichtungen) um die schwere Bühnenausstattung in der Arena bewegen zu können. Auch war es möglich, Akteure und Kulissen mittels eines Aufzugsystems aus dem Boden der Arena aufsteigen zu lassen. Das muss damals einfach für tolle Stimmung gesorgt haben. Trotz der Größe der (zweigeschossigen) Katakomben reichte der Platz nicht aus: Die Tiere wurden zum großen Teil aus außerhalb gelegenen Zoos durch unterirdische Gänge ins Kolosseum getrieben. An der Ostseite setzte sich der Zentralgang bis zum Ludus Magnus fort, der nahegelegenen größten Gladiatorenkaserne Roms.

Dort befanden sich auch die Rüstungen und Waffen der Gladiatoren, Umkleideräume und die Tierkäfige mit den wilden Tieren, aber auch aufwändige Bühnenbilder. Durch ein ausgeklügeltes System aus Lastaufzügen und Gegengewichten konnte man Bühnenbilder, wilde Tier und Gladiatoren unter dem tosenden Ablaus der Massen wie von Geisterhand erscheinen und wieder verschwinden lassen.

Die Zuschauer waren streng nach Gesellschaftsklassen in einer festgelegten Sitzordnung voneinander getrennt: Kaiser und Senatoren saßen unten am Rand der Arena. Je weiter man sich vom Zentrum der Arena entfernte, desto rangniedriger war man in der Römischen Gesellschaft – auf den schlechtesten Plätzen ganz oben mussten die Frauen Platz nehmen. Die Senatoren genossen dabei ein besonderes Privileg: Ihr Name war in die Sitzbank eingraviert. Die Angaben darüber, wie viele Zuschauer das Kolosseum gefasst hat, schwanken zwischen 50.000 und 73.000.

Die Spiele wurden zu Fest- und Feiertagen ausgerichtet und zwar von den bedeutendsten Familien Roms, denen die Spiele als Symbol für Macht und Einfluss galten. Die Spiele waren also nicht etwa staatliche Fürsorge, sondern die Gabe von Privatleuten an die Gemeinschaft: „Brot und Spiele“.

Den besten Eindruck vom Äußeren des gewaltigen Bauwerks erhält man, wenn man sich von der Via dei Fori Imperiali, also von Nordenwesten, nähert. Nur an der Nordseite hat sich die viergeschossige, insgesamt 49 Meter hohe Fassade weitgehend vollständig erhalten. Die ersten drei Stockwerke bestehen aus je 80 Arkaden, gerahmt von Halbsäulen, die im Untergeschoß der dorischen, in der Mitte der ionischen und im dritten Stockwerk der korinthischen Ordnung folgen. Das vierte, oberste Geschoß besteht aus ebenfalls 80, von Pilastern getrennten Wandfeldern. Dort oben befanden sich Vorrichtungen zu Aufnahme von 240 Holzpfosten, an denen ein gewaltiges Sonnensegel befestigt werden konnte, um die Zuschauer im Innern der Arena zu schützen. Die komplizierten Seilzüge wurden von einer speziellen Einheit Matrosen bedient, die zur Flotte in Misenum gehörten und in einer eigenen Kaserne in der Nähe untergebracht waren. Die Eingänge waren durch fortlaufende Nummern gekennzeichnet, die auf der Nordseite noch gut über den Arkaden zu erkennen sind. Einzig die beiden Haupteingänge in der Längsachse waren ohne Nummerierung und besonderem Publikum (heute würde man sagen: den VIPs) vorbehalten. Um das Amphitheater lag eine gepflasterte Fläche, die von einer (nicht mehr erhaltenen) Portikus umgeben war.

Entgegen verbreiteter Ansicht und entgegen dem bronzenen Gedächtniskreuz, welches man früher in der Arenamitte sehen konnte, ergötzten sich die Römer sich nicht am Martertod von Christen. Christen wurden nicht – wie es sprichwörtlich heißt – “den Löwen zum Fraß vorgeworfen“. Jedenfalls gibt es dafür keinen zeitgenössischen Beleg. 1939 in der Mitte der Arena. Es erinnert an den Märtyrerkult, den Papst Benedikt XIV 1749 etablierte, als er das Bauwerk dem Andenken der christlichen Märtyrer weihte, die hier angeblich in Massen gestorben waren. Heute bestehen in der Forschung starke Zweifel, ob das Kolosseum tatsächlich Ort der Christenverfolgung war – bisher konnte kein einziger Fall nachgewiesen werden.

438 nach Christus wurden dann schließlich (bis heute) die Gladiatorenkmäpfe verboten; die letzte Tierhatz fand 523 nach Christus statt und wäre wohl heute mit kaum einem Tierschutzgesetz der Welt mehr zu vereinbaren. Danach verwahrloste und verfiel das Kolosseum. Constans II. ließ 664 nach Christus schließlich alle Metallklammern entfernen, die der Traventinverkleidung Halt boten. Seither entstellen Löcher wie Pockennarben die Arena und verwundern so manchen Besucher. Später wurde das Kolosseum dann für andere Bauten Roms als Steinbruch genutzt und ist heute nicht mehr vollständig.

Wer Rom besucht, muss wohl ins Kolossum gehen. Für mich hat es sich jedenfalls gelohnt. Die Eintrittspreise liegen derzeit bei € 11. Früher war das mal anders: Der Eintritt in das Kolosseum war, wie bei vielen öffentlichen Gebäuden, für jeden Römer frei.  Aber diese Zeiten sind lange vorbei. Auch Römer zahlen heute.

Wie gesagt: Wer Rom sieht, aber das Kolossum links liegen lässt, macht sicherlich einen Fehler.

Romtourist